
Ferruccio Busoni / Quelle: Wikipedia
Der 58. internationale Klavierwettbewerb “Ferruccio Busoni” in Bozen ist gerade zu Ende gegangen. Dies gab mir wieder eine gute Gelegenheit, um über verschiedene Facetten des Klavierwettbewerbs nachzudenken. Das brisanteste und immer noch aktuellste Thema rund um den Wettbewerb ist und bleibt die Jury-Entscheidung.
Auch in diesem Jahr scheint es mir so, dass die Jury, in pianistischer und künstlerischer Hinsicht , eine ziemlich eigenartige und überaus qualitätsfremde Entscheidung getroffen hat. Fragen und Hintergründe dazu betrachten wir nun unter der Lupe. Antonii Barishevskyi, Anna Bulkina, Tatiana Chernichka – diese drei jungen Pianisten waren die Protagonisten der entscheidenden Finalrunde. Das Anhören und Beobachten ihrer Darbietungen, mit den jeweils präsentierten Klavierkonzerten von Liszt, Rachmaninoff und Prokofieff, haben mir ausreichendes Material geliefert, um ein umfassendes Bild ihrer pianistischen Persönlichkeit zu erörtern.
Die Finalisten
Antonii Barishevskyi – Der junge Ukrainer spielte in der ersten Finalrunde das Klavierkonzert Nr.1 von Liszt. Schon nach dieser Darbietung war mir klar, was sich auch in seinem Rachmaninoff (Klavierkonzert Nr.3) gezeigt hatte: deutlich erkennbare künstlerische Eigenständigkeit, kleine Ansätze von Verständnis der polyphonischen Struktur in der Partitur. Da aber seine technischen Fähigkeiten noch nicht vollständig ausgereift sind, war ebenfalls ein fundiertes Einsetzen der technischen Mittel für die Werkinterpretation nicht möglich (sowohl bei Liszt als auch bei Rachmaninoff).
Fazit: Barishevskyi vermittelte mir den Eindruck, dass er sich als “Pianist” noch sucht, jedoch spricht sein angedeutetes polyphonisches Spiel für eine weitere pianistische Entwicklung im Sinne der guten alten deutsch-russische Klaviertradition.
Anna Bulkina – Die pianistischen Merkmale der Russin waren nach ihrer Liszt-Darbietung (Klavierkonzert Nr. 1) sofort klar: ein gewisse Tragweite ihres Tones hat mir gefehlt , das Spiel war generell zu trocken. Da aber ihre technischen Mittel durchaus einwandfrei sind, konnte sie diese beim 2. Klavierkonzert von Prokofieff perfekt einsetzen.
Fazit: Eine zu korrekte Spielweise, keine wirkliche Werkgestaltung, der musikalische Ausdruck wird auf ein nüchternes, technisches Kalkül fokussiert. Dies mag für Prokofieff sehr wohl geeignet sein, jedoch nicht für die weitere Bandbreite der Klavierliteratur.
Tatiana Chernichka – Ein technisch klares Ausspielen, eine angemessene Pedalisierung, gutes Zusammenspiel mit dem Orchester. Sowohl mit dem 2. Klavierkonzert von Liszt, als auch mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninoff gab die Russin eine gute Darbietung, teilweise fast “zu brav”. Besonders bei Rachmaninoff hätte sie interpretatorisch mehr gestalten können, jedoch blieb ihr Spiel verschlossen aber nicht intrinsisch, ein Nachteil, aus meiner Sicht, für den verlangenden Werkcharakter bei Rachmaninoff.
Die Preisträger am Rande
Drei weiteren Kandidaten wurden nicht zum großen Finale zugelassen: Alessandro Taverna, Min Soo Hong, Sun-A Park. Somit blieb mir als einzige Möglichkeit ihre Darbietung der Liszt-Klavierkonzerte, um daraus ihr pianistisches Profil zu erkennen. Das fiel mir nicht besonders schwer. Jeder einzelne hat seine persönliche Gestaltung des Werkes dargelegt, sehr romantisch und dem listzschen Stil absolut gemäß. Insbesondere bei Alessandro Taverna konnte ich wiederum Ansätze eines polyphonischen Spiels erkennen.
Die Entscheidung der Jury
Die internationale Jury, zu der auch Martha Argerich gehörte, hat schon beim letzten Chopin-Wettbewerb in Warschau 2010 ein – pianistisch – absolut inkompetentes Urteil in der Preisvergabe gegeben, indem man einem überlegenen Evgeni Bozhanov, welcher mit ausgereiftem polyphonischen Spiel und interpretatorischer Reife brillierte, nur den 4. Platz zukommen ließ.
Auch beim diesjährigen Busoni-Wettbewerb gab es eine ähnliche Jurykonstellation. Wieder haben Frau Argerich, diesmal sogar als Juryvorsitzende, Frau Stefanovich, und auch die restlichen Mitglieder gezeigt, dass das polyphonische Klavierspiel ausserhalb ihrer pianistischen Reichweite ist. Ansätze beim Spiel von Antonii Barishevskyi oder auch bei Alessandro Taverna wurden von der Jury nicht erkannt, und so führte dies schlussendlich zur nicht-Vergabe des ersten Preises.
Gerade bei einem Wettbewerb dem Ferruccio Busoni gewidmet, der als polyphonischster Pianist aller Zeiten gilt, hätte ich mir eine hochkarätigere, bzw. pianistisch kompetentere Jury gewünscht.